Allgemein, Statements & Redebeiträge

20. Oktober 2017 – Gastbeitrag zur Kundgebung „Warum wir hier sind“

warumwirhiersindkundgebung
Dies ist ein Gastbeitrag des BGA zur Kundgebung “Warum wir hier sind” am 20.10.2017, welcher von Menschen aus Äthiopien organisert wurde. Vor dem Verwaltungsgericht Regensburg informierten sie über die Situation in ihrem Herkunftsland und die daraus resultierenden Beweggründe ihrer Flucht.
Heute wird uns eindringlich gezeigt, welche horrenden Bedingungen Menschen in Äthiopien aus ihrer Heimat reißen und sie dazu bewegen, zu uns zu kommen. Für diesen Einblick möchte ich mich im Namen des Bündnisses gegen Abschiebelager bedanken. Die Organisator_innen dieser Kundgebung sind wegen Technischer Unterstützung auf uns zugekommen und haben uns eingeladen, eine Gastrede beizusteuern. Unser Bündnis positioniert sich gegen jegliche Abschiebungen aus Deutschland und, namensgebend, gegen die Isolierung und respektlosen Bedingungen, die Menschen in den entstehenden Abschiebelagern erdulden. Speziell lehnen wir die Isolation und Ausgrenzung ab, die damit einhergeht. Hier werden Menschen aktiv davon abgehalten bei uns Fuß zu fassen, und die Bedingungen werden verheimlicht und vertuscht. Unser Bündnis will diese Isolation durchbrechen, und wir treten deshalb in Kontakt mit den Menschen, die im Abschiebelager leben müssen, und wollen sie dabei unterstützen, dagegen aktiv zu werden. Wir sind keine Mitorganisatoren der heutigen Kundgebung, sondern sind heute als Gäste und Unterstützer anwesend.
Eine Stärke der Gruppe, die heute ihre Positionen darlegt, sehen wir darin, dass sich Menschen hier umfassend gegen Menschenfeindlichkeit positionieren, und zwar ganz unabhängig von Volksgruppen, Nationalitäten und Ethnien. Diese offene Haltung möchten wir unterstützen. Denn jede Person, die ihre Heimat verlässt, hat einen Grund dafür. Aber bedeutet das auch, dass jede Person das Recht dazu hat, ihre Heimat zu verlassen? Mal andersherum gefragt: Was gibt uns das Recht, darüber zu entscheiden? Noch nie zuvor haben so viele Institutionen und Machthaber gemeinsam bekundet, dass „Alle Menschen (…) frei und gleich an Würde und Rechten geboren (sind).“ Das ist der Grundsatz der Deklaration der Menschenrechte. Aber versuchen wir überhaupt, diesen Grundsatz umzusetzen?
0,7 % der Menschheit besitzt 41% des globalen Wohlstands. Währenddessen Teilen sich knapp 70 % der Menschen gerade einmal 3% des Wohlstandes. Dass das den Menschenrechten komplett widerspricht ist nicht zu leugnen. Aber meist wird dies als bedauernswerter Umstand dargestellt, der irgendwann, irgendwie behoben sein wird, wenn wir einfach so weiter wirtschaften wie bisher und sich die „armen Länder“ nur genug anstrengen. Aber wie?
Wir leben innerhalb von Strukturen, die auf Ungleichheit beruhen. Die eben erwähnten 07,% der Menschheit können sich gar nicht leisten, Menschenrechte ernst zu nehmen. Und jedes beschönigende Geschenk, das sie dem Rest der Menschheit machen, zementiert nur die ausbeuterische globale Ungleichheit, indem Diejenigen, die darunter leiden, beschwichtigt und zur Untätigkeit eingelullt werden. Dementgegen stehen Menschen, die sich gerade unter Einsatz ihres Lebens für die gleiche Würde Aller einsetzen, indem sie sich auf den Weg zu uns machen. Sie weigern sich, ihre zufällig angeborene Rolle als geographische „Verlierer“ im kapitalistischen Wirtschaftssystem zu akzeptieren. Natürlich sind keineswegs alle, die dies tun, aufgebrochen, um die Welt zu verändern. Aber sie tun genau das! Sie überwinden alle Regeln und Institutionen, die entgegen der Menschenrechte den Großteil der Menschheit ihrer Würde berauben. Ständig akzeptieren wir ohne großes Nachfragen die Logik des wirtschaftlichen Wettbewerbs, der uns alle gegeneinander ausspielt. Menschen, die zufällig in die Rolle der „Verlierer“, hineingeboren wurden, hätten eben Pech und müssten damit klarkommen. Aber genau damit akzeptieren wir auch, dass diese Menschen weniger Würde haben, und dies immer haben werden! Die Menschen, die zu uns kommen, wagen es, diese Logik zu hinterfragen. Sie überwinden Grenzen, die sich sonst kaum jemand traut wirklich in Frage zu stellen. Und zwar sowohl im übertragenen Sinne, als auch ganz konkret.
Wozu haben wir Grenzen? Damit sich die enorm große Weltbevölkerung auf kleinerer Ebene versorgen und organisieren kann? Nein, das könnte sie auch in freien Zusammenschlüssen. Viel eher geht es bei den Mauern, mit denen wir uns selber in unsere Nationalstaaten einsperren, um Schutz. Aber damit wird uns vorgegaukelt, dass wir uns vor dem Rest der Welt zu fürchten haben! Das zeugt von einem klaren Bewusstsein über die menschenverachtende globale Ungleichheit. Grenzen zwängen Menschen in ihre zugeordnete Position im Weltgeschehen. Aber nicht wir werden von den Grenzen geschützt, sondern die hierarchischen Machtstrukturen, die jegliche Ressourcen immer wieder den selben Privilegierten zukommen lassen. Niemand braucht sich vor einer Welt ohne Grenzen zu fürchten! Wenn wir wirklich daran glauben, dass jeder von uns die gleiche Menschenwürde hat, und bereit sind diesen Grundsatz zu leben, können wir uns ohne Bedenken der Welt öffnen. Grenzen sind Wunden auf der Erde und müssen geheilt werden. Die gesamte Menschheit braucht eine Überwindung ausbeuterischer Hierarchien und wir alle brauchen eine wirklich unantastbare Würde.
Deshalb stehen wir vereint mit all den Menschen, die durch ihre Flucht und Migration unterdrückende Strukturen, die uns unantastbar vorkommen sollen, einfach übergehen. Haben wir also das Recht zu beurteilen, welche Personen, die ihren Geburtsort verlassen, einen ausreichenden Grund dafür haben? Wer also das Recht hat wo zu bleiben? Nein! Dieses Recht hat niemand, denn es stellt einen Menschen über den anderen!
Der weltweite Kapitalismus ordnet Menschen die Rollen der „Armen“ und der „Reichen“ zu, aber unsere Nationalstaaten sind es, die wahrlich verarmt sind, an Menschlichkeit und Fantasie. Wir sind so gefangen in unseren gewohnten Mustern und unseren selbst errichteten Grenzen, dass wir es nicht schaffen, hier und jetzt in echter Solidarität miteinander zu leben.
Wir alle brauchen den Mut dieser Menschen, die über alle Grenzen hinweg zu uns kommen.

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